Das kleine Ungeheuer 

 

Ich weise dem Verkäufer des Elektronikmarktes keine Schuld zu. Er konnte es nicht besser wissen. Er war zu jung und blauäugig. Zu unerfahren und unschuldig. Er war ein herumtollendes Rehkitz und hatte den Wolf nicht kommen sehen.

Zurück zum Anfang. Ich bestellte mir letztens im Online Shop einer Elektronikmarktkette einen Fernseher. Das Gerät war von 800 EUR auf 450 EUR runtergesetzt. Ich war von kleinauf getrimmt, bei Schnäppchen zuzuschlagen. Innerhalb von 1-2 Werktagen sollte das Stück im Markt vorhanden sein. Ich bestellte an einem Donnerstag. Am folgenden Dienstag ging mein erster Anruf ein.

Ich bin relativ beharrlich, was Warteschleifen anbelangt. Ich wusch 3 Maschinen Wäsche, hängte sie auf, saugte das Wohnzimmer und als ich gerade die Bücher im Bücherregal nach Farben sortierte, ertönte am anderen Ende eine Stimme.

Die Stimme war männlich und fragte mich, was ich denn will. Ich hatte den Verkäufer wohl gerade bei etwas wichtigem gestört. Anders kann ich mir seine Gemüts- und Stimmlage nicht erklären. Vielleicht spielte er gerade ein wichtiges Computerspiel wie Farmville oder gar Candycrush.

Ich fragte ihn nach seinem Namen (um bei späteren Gesprächen auf ihn zu verweisen, auch das hatte ich von Kindesbeinen an gelernt ).

Ich fuhr fort, gab die Bestellnummer an und stellte weitere Fragen. Ob denn mein Fernseher schon in Sichtweite sei und wenn ja, wann ich ihn denn endlich abholen könne. Er vertröstete mich, der Fernseher hätte bereits das Lager verlassen, sei auf dem Weg zum Markt und sie würden sich dann melden. Am Mittwoch, knapp eine Woche nach der Bestellung, wartete ich ungeduldig auf den Anruf. Das Auto stand vollgetankt und mit laufendem Motor vor der Tür. Ich hielt es bis 17:00 aus. Dann hing ich wieder an der Hotline. Es ging dieses Mal sogar richtig schnell. Ich hatte die Waschmaschine gerade erst beladen. Vorsorglich hatte ich mir ja den Namen notiert und verlangte diesmal direkt nach dem guten Mann. Ich hatte ihn wohl wieder bei etwas unterbrochen. Vielleicht wusch er diesmal selber Wäsche. Jedenfalls klang er wieder etwas verärgert und in Eile. Ich wurde erneut vertröstet. Meine Halsschlagader pochte, ich blieb jedoch sachlich und diplomatisch.

– Jetzt sagen Sie mir bitte nicht, dass der Fernseher bereits das Lager verlassen hat und auf dem Weg zum Markt ist…

Doch, das wollte ich ihnen gerade sagen. Mehr hat die DHL hier noch nicht angegeben.

– Ich habe den Fernseher aber nicht bei der DHL bestellt, sondern bei Ihnen! Ich bin ganz und gar nicht zufrieden, was Sie ihren Kunden hier für eine Scheisse erzählen. Sagen Sie doch gleich, dass es etwas länger dauert. Damit kann man arbeiten.

Er wurde belehrend.

Also wenn Sie im Netz etwas bestellen, müssen Sie bei jedem Online Shop etwas Geduld mitbringen…

So das war genug. Ich musste den Kraken entfesseln. Er hat es nicht anders gewollt.

Ungeheuer-201100282566

Ich musste meinen Vater ins Boot holen. The Negotiator. Wenn mein Vater eine  Einkaufsstraße betritt, verdichten sich die Wolken, Vögel hören auf zu zwitschern und es blizt und donnert vor den Geschäften. Für umherstehendes Publikum heißt es: einen guten Sitzplatz suchen und lernen.

Ich sah schon Familienväter in Geschäften, die ihren Kindern die Regina Regenbogen-Notizblöcke entrissen und hektisch ganze Dialoge mitschrieben.

Ich möchte an dieser Stelle abschweifen und kurz erzählen, dass mein Vater sich bei einem Türkeiurlaub 2 Basaren nicht mehr als 50 m nähern konnte. Er wäre sonst von osmanischen Teppichhändlern mit Krummsäbeln gejagt worden. Er wurde dort steckbrieflich gesucht, weil er der erste Tourist war, bei dem sie ein Minus verbuchen mussten.

Genug der Huldigung. Ich möchte hier nun kurz den aktuellen Fall umreißen

– Guten Tag ich bin der Vater des jungen Mannes mit der Bestellnummer XYZ…(die hatte ich ihm nie gesagt. Woher er so etwas immer wusste?) , der kürzlich online einen Fernseher bei Ihnen erstand. 

Ja und? Ich kann Ihnen nichts sagen, was ich ihrem Sohn nicht auch schon gesagt habe.

– Könnte ich mal ihre Personalnummer haben?

Was?Warum?

– Das ist mein Recht als Kunde. Außerdem steht sie dort auf ihrem Namensschild, ich kann sie bloß nicht lesen.

25674 

– Nachname? 

Gebe ich Ihnen gerne, aber was wollen…Das bringt Ihnen doch…

– Wie heißt ihr Geschäftsführer und wo ist der zu finden? 

Den können Sie nicht persönlich…

– Warum nicht? Ist denn hier wenigstens jemand im Markt, der mehr Befugnisse hat als Sie? 

Ja aber was wollen Sie denn? Sprechen Sie doch erstmal mit mir. 

– Folgendes: hier muss ja irgendwo in der Stadt ein Fernseher herumschwirren. Wo und wie ist erstmal egal. Wieso steht der nicht, nach nunmehr 1 Woche, zur Verfügung? Haben Sie den überhaupt? Wenn nicht, warum bieten Sie den in der Form im Netz an? Oder war das eine bewusste Täuschung?

Aber natürlich haben wir den!

– Und wo ist der? 

Laut Computer in Waltersdorf im Verteilerzentrum. 

– Aha. Was macht der denn da? Hätte der nicht schon längst abgeholt sein müssen? Könnten Sie da mal anrufen? Ich würde das Telefonat auch für Sie führ…

Nein, nein, nein, schon ok ich bekomme das hin. 

– DAS scheinen Sie ja bisher nicht erfolgreich hinbekommen zu haben. Dürfte ich nun endlich den Filialleiter sprechen.

Argumentativ im Nachteil, führte er hängenden Kopfes meinen Vater in das Büro des Filialleiters. Ich trottete hinterher. Dem Gemüt des Leiters zufolge, spielte er auch gerade FarmVille.

Können Sie bitte das Büro verlassen? Bat er mich und den Verkäufer.

– Nein, das ist mein Sohn, der bleibt hier. Ich brauche einen Zeugen. (WTF? Plante mein Vater einen Mord?)

Also Herr Filialleiter. Ich habe diverse Bekannte bei der Tagespresse (hatte er nicht). Die wird es vielleicht interessieren, dass Sie im Internet Artikel anbieten, die dann im Markt nicht verfügbar sind. Ein Fernseher 40 Zoll von Samsung, Model XYZ ( auch das hatte ich im nie gesagt… ) ist trotz Versprechungen seit 3 Werktagen nicht im Laden vorhanden. Angeblich ist er im Verteilerzentrum in Waltersdorf hängengeblieben. So etwas kann passieren, es darf aber einem Unternehmen ihrer Größe nicht passieren. Jetzt wüssten wir gerne, ob es diesen Fernseher überhaupt gibt, was ich mittlerweile bezweifele, und warum er noch nicht ausgeliefert ist?

Der Filialleiter verstummte angesichts der vielen Informationen und Worte die ihm gerade entgegen geschmettert worden waren.

Einen Moment, ich werde kurz mit dem Verteilungszentrum telefonieren. 

Nachdem er ein unverständliches Telefonat mit vielen Nummern und einzelnen Buchstaben geführt hatte, fragte er uns höflich, ob wir das Büro wohl kurz verlassen würden. Den Verkäufer sollten wir reinbitten.

Nach ein paar Minuten kam der Verkäufer mit einem Klos im Hals auf uns zu und entschuldigte sich vielmals. Das Gerät sollte noch am gleichen Abend ohne Mehraufwand zu mir nach Hause geliefert werden. Außerdem bekam ich noch einen Gutschein über 20€ als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten.

Am Ende brachte er den Fernseher mit seinem eigenen Auto zu mir nach Hause, schloss ihn an und ging immer wieder höflich dankend und sich entschuldigend, rückwärts aus der Wohnungstür. Ich meine ihn im Hof laut schluchzen gehört zu haben.

Ich brachte mein Ungeheuer zurück in seine Höhle und deckte ihn zu… Das kleine Monster.

4 Kommentare zu „Das kleine Ungeheuer 

    1. Es ist ja immer eher belustigend, den Tornado wüten zu sehen. Das man die Sache auch selber regeln könnte ist klar – aber lange nicht so unterhaltsam. Hättest du das einmal erlebt, würdest du genauso handeln. Glaub mir!

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  1. The Wizards Words: Die Geschichte ist nicht an der Wirklichkeit orientiert. In der Realität hätte der Filialleiter den Fernseher um 23:55h kniend in die Wohnung gebracht. Eine gewisse Unterwerfungsgeste wird da schon erwartet.

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