Bleischürze (8)

Sprotte saß zu Hause und las die Zeitung von vor 3 Tagen. Es war die, die sein Nachbar immer in den Hausmüll warf, wenn er sie ausgelesen hatte. Knete war also stets gut  informiert. Nicht tagesaktuell aber aktuell -3 Tage. Plötzlich klingelte es an der Tür.

Eine Nachricht von Knete. Der Überbringer war Rolf, der neuerdings in einem Pappkarton neben dem Haus wohnte. Er hatte gerade per Kioskfunk erfahren, dass Knete im Krankenhaus liegt. Sprotte machte sich umgehend auf den Weg. Er wusste, dass es nicht das nächstliegende Krankenhaus sein konnte, weil Knete der Meinung war, dass es darin Spukt. Also musste es das übernächstliegende sein. Knete würde sich nie in das Spukkrankenhaus einliefern lassen.

Als Sprotte nach 127 Minuten Fußweg am Zimmer klopfte, hörte er nur:

„Wer ist da? Nicht eintreten!“

„Ich bins, Sprotte.“

„Wenn Sie wirklich Sprotte sind, dann machen Sie das geheime Klopfzeichen“

„Wir haben kein geheimes Klopfzeichen, Knete. Ich komme jetzt rein.“

Kaum war Sprotte eingetreten, zischte ein Boomerang auf ihn zu. Haarscharf verfehlte er seinen spärlich behaarten Skalp.

„Knete! Bist du des Wahnsinns?“

„Ich wusste doch nicht, dass du es bist. Du hast kein Klopfzeichen gemacht!“

„Nochmal: wir haben keins!“

„Na dann sollten wir mal schnell eins ausmachen, sonst verletzt sich am Ende noch jemand.“

„Ich habe doch angekündigt, dass ich eintreten werde. Egal jetzt. Woher hat du den Boomerang???“

„Den habe ich von zu Hause. Ich durfte ein paar Sachen mitnehmen.“

„Und dann wählst du den Boomerang? Ich glaube das bezog sich eher auf Kleidung oder Bücher“

Knete erzählte, dass ihn ein Judoka zu Boden gerungen hatte und ihm mit einer seltenen Hebeltechnik den Arm gebrochen hatte. Schwarzgurt.

Sprotte hatte vorher im Kiosk eine weitaus realistischere Version gehört, nämlich dass Knete auf einem Kackhaufen ausgerutscht war.

Damit konfrontiert, wiegelte Knete ab. „Das ist Quatsch. Ich habe nach dem Vorfall mehrfach eine engelsgleiche Stimme sagen hören: komm ins Licht! Sowas ist ja wohl bei einem normalen Sturz nicht an der Tagesordnung.“

Sprotte glaube eher die Kackhaufen-Geschichte.

„Aber Judokämpfe, die haben es teilweise in sich! Neulich habe ich auf Eurosport Judo geguckt. Man, man.“

„So so.“ sagte Sprotte. Er hob den Boomerang auf, öffnete den Schrank und warf den Boomerang neben Knetes Cowboystiefel. Es roch verdächtig nach Kot.

„Sprotte, die haben hier schreckliche, unaussprechliche Dinge mit mir vor. Die wollen mich hierbehalten, mit Strahlen beschießen und unfruchtbar machen!“

„Mit anderen Worten: Sie wollen deinen Arm röntgen. Das machen die bei jeder Fraktur“

„Faktor hin oder her, dann wollen die hier die Menschheit auslöschen! Sprotte! Verschließ doch nicht die Augen! “

„Das heißt FRAKTUR und bedeutet Bruch. Pass auf, Knete. Du bist hier in guten Händen. Die hängen dir beim Röntgen ne Bleischürze vor dein Gemächt und du wirst nicht unfruchtbar, ok? Einmal schlafen und ich hole dich morgen ab. Dann gehen wir was essen. Komm du jetzt erstmal runter…“

„Kannst du mir noch einen Gefallen tun, Sprotte? Ließt du mir etwas vor? Dann kann ich besser schlafen …“

„Es ist zwar erst 4 Uhr nachmittags, aber wenn du schlafen willst, kannst du natürlich jetzt schlafen.  Ich lese dir auch gerne etwas vor.“

Sprotte nahm die Gala, das einzige was im Zimmer lag. Als Knete eingeschlafen war, gab Sprotte ihm einen Kuss auf die Stirn und ging nach Hause.

Knete sein kleiner Racker.

 

 

 

 

 

 

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